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Die Erwählten...

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Hier wird gerade umgebaut...

Des müden Wanderers letzte Aufzeichnungen:

„Ich habe schon viel von der Welt gesehen, die guten Seiten wie auch ein paar Schlechte. Ich bin viel herumgekommen, doch solch‘ ein Ort ist mir noch nie begegnet, derart Ländereien habe ich noch nie zu Gesicht bekommen.

Es ist, als wäre die Luft selbst erfüllt von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit und mit jedem Atemzug den ich von ihr in mich aufsauge, erfüllt mich diese Melancholie mehr und mehr und erobert mein Herz. Mein Lächeln ist mir ebenso aus dem Gesicht entschwunden, wie das fröhliche Pfeifen meiner Lippen, das mich immer so heiter auf meiner Wanderschaft begleitet hat.

Ausgemergelte Bäume, verlassene Dörfer, zurückgelassene Hütten und dunkle Städte, selbst das Gras wirkt dieser Orts weniger grün als anderswo.
Düsternis und Tristess hat diese Landstriche befallen, wie eine Krankheit die langsam und qualvoll Leben und Vitalität jedem entzieht, der sich mit ihr ansteckt.

So sind auch die Bewohner des Tals, in Stadt und Land. Wie Kranke wandeln sie umher. Arbeiten, Schlafen, Essen, Sprechen, Leben, sogar die Kinder spielen in den Straßen, aber all' dies geschieht wie durch einen grauen Schleier der Hoffnungslosigkeit hindurch, der scheinbar alle Träume, Ziele und Wünsche hinfortgewaschen hat, wie über einen unüberwindbaren Graben hinweg, in dem alles Glück und Zuversicht verschütt' gegangen ist.

Einen frohen Wandersmann haben sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Wer wäre nun überrascht, dass mich niemand freudig begrüßte und mit mir sein Brot teilen wollte. Als Wandersmann besitze ich nur was ich am Leibe trage und war immer guter Dinge, von den Menschen zu denen ich komme, freundlich begrüßt zu werden.

Doch hungrig verließ ich die Tore der Stadt, hatte ich doch weder Silber, noch etwas, was ich für einen Kant Brot eintauschen konnte. „Auf dem Lande sind die Leute sicher liebenswürdiger“, dachte ich bei mir.

Und tatsächlich fand ich in einem abgelegenen Dorf eine kleine Gemeinschaft, die mich herzlich zu Tisch bat. Sie lebten gewiss nicht im Überfluss, und mir wurden auch schon üppigere Mähler aufgetischt, doch stillte ich meinen Hunger mit ihrem Brot und ihrem Käse. Meinen Durst vermochten jene Leute, die sich alsbald als „die Erwählten“ preisgaben jedoch nicht zu löschen.

Diese Menschen, in ihrer Mitte jene verhängnisvolle Gastgeberin, haben mich heimtückisch zu sich gelockt und mich auf einen Pfad gestoßen, auf dem man nicht umkehren kann.

Als ihr verfluchtes Wasser meine Lippen benetzte und der erste Schluck meine trockene Kehle befeuchtete, trat ich unwissend in ihren Bann.
Es ist das Wasser! Es brennt auf der Zunge wie Feuer und wie flüssige Lava ergießt es sich meinen Schlund hinab! Ich spüre es, bis hinunter in meinen Magen, meine Eingeweide und bis in jede Zehe hinein. Es erklimmt meinen Körper bis in jede Haarspitze und bis hin zu jedem Finger. Mir ist heiß und das brennende Gefühl zu verglühen quält meinen Körper. Ich möchte mich erbrechen, doch speie ich weder Gift noch Galle, nur ein Schmerzensschrei entweicht meinen schmelzenden Lungen. Mein Herz rast und ich spüre meinen Puls pochend, um Erlösung bettelnd, in meinem ganzen Körper. Krämpfe durchzucken jeden meiner Muskeln bis ich endlich zur Ruhe komme.

Als mich der Schmerz verlässt und nur eine dumpfe Taubheit zurück bleibt, für die ich über alle Maßen dankbar bin, richtet sich mein verschwommener Blick auf meine linke Hand. Sie leuchtet! Meine Hand leuchtet!

Nachdem ich mich nach Sekunden, die sich hartnäckig wie Stunden hielten, zur Besinnung komme sehe ich es: Es ist nicht meine Hand die leuchtet. Es ist ein Mal. Ein magisches Siegel das sich auf meiner linken Handfläche abzeichnet. Ein Kreis mit geschwungenen Linien darin.
Mit gleichermaßen Grauen wie Faszination betrachte ich das Geschehen, hat mich jener Schwächeanfall doch schon lange zu Boden gehen lassen, so kommt es mir jedenfalls vor, da verblasst und verschwindet das Leuchten, samt der magischen Kreise und Linien und hinterlässt meine linke Handfläche wie ich sie gut vierzig Jahre kenne.

Ich bin nun kein Wandersmann mehr, so erklärt man mir, ich bin ein Erwählter.
„Und wenn ich nicht will?“, frage ich entsetzt.
„Dann wird das Leid mit einem Schrei erneut die Melancholie aus deinen Lungen vertreiben…“


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